HA
⇌
H₃O⁺

Protolyse & Chemisches Gleichgewicht

Wie Säuren und Basen Protonen austauschen – und warum dieser Austausch nie ganz zum Stillstand kommt.

Alltagsbezug: Magensaft und Bienengift

Dein Magen produziert Salzsäure mit einem pH-Wert von etwa 1,5 – nötig, um Proteine in der Nahrung zu spalten. Sticht dich eine Biene, injiziert sie dagegen unter anderem Ameisensäure in die Haut. Beide Fälle haben etwas gemeinsam: Ein Teilchen gibt ein Proton (H⁺) an ein anderes ab. Genau dieses Prinzip – Protonenübertragung – steht im Zentrum der Säure-Base-Chemie nach Brønsted.

In Klasse 9 hast du Säuren und Basen noch über ihre Dissoziation in Wasser beschrieben. Jetzt betrachten wir sie als reversible Protolysereaktion – ein direkter Protonenübergang zwischen zwei Teilchen, der sich mit dem Massenwirkungsgesetz exakt beschreiben lässt.

Wiederholung aus Klasse 9

Falls du die Grundlagen zu Säuren, Basen und dem pH-Wert auffrischen möchtest:

1. Das Donator-Akzeptor-Prinzip nach Brønsted

Der dänische Chemiker Johannes Brønsted definierte 1923 Säuren und Basen nicht mehr über ihr Verhalten in Wasser, sondern über ihre Fähigkeit, Protonen zu übertragen. Diese Definition funktioniert auch dann, wenn gar kein Wasser beteiligt ist.

Brønsted-Säure

Ein Teilchen, das ein Proton abgeben kann.

  • Wird als Protonendonator bezeichnet
  • Muss mindestens ein abspaltbares H-Atom besitzen
  • Beispiel: \(\ce{HCl}\), \(\ce{CH3COOH}\), \(\ce{H3O+}\)

Brønsted-Base

Ein Teilchen, das ein Proton aufnehmen kann.

  • Wird als Protonenakzeptor bezeichnet
  • Braucht ein freies Elektronenpaar zur Bindung des H⁺
  • Beispiel: \(\ce{NH3}\), \(\ce{OH-}\), \(\ce{H2O}\)

Protolyse: die allgemeine Reaktionsgleichung

Eine Säure-Base-Reaktion ist immer eine Protonenübertragung zwischen einem Donator und einem Akzeptor:

\[\ce{HA + B} \rightleftharpoons \ce{A^- + HB^+}\]

Der Doppelpfeil \(\rightleftharpoons\) zeigt: Die Reaktion läuft in beide Richtungen gleichzeitig ab – sie ist umkehrbar.

2. Protolysegleichgewichte

Da Protolysereaktionen umkehrbar sind, stellt sich – wie bei jeder reversiblen Reaktion – ein chemisches Gleichgewicht ein. Hin- und Rückreaktion laufen ständig weiter, nur ihre Geschwindigkeiten gleichen sich aus.

Korrespondierende Säure-Base-Paare

Säure und Base, die durch Abgabe bzw. Aufnahme genau eines Protons ineinander übergehen, bilden ein korrespondierendes Paar:

\[\ce{CH3COOH}/\ce{CH3COO^-} \quad \text{und} \quad \ce{H3O+}/\ce{H2O}\]

Essigsäure (Säure 1) reagiert mit Wasser (Base 2) zu Acetat (Base 1) und Oxonium (Säure 2).

Ampholyte

Manche Teilchen können sowohl als Protonendonator als auch als Protonenakzeptor reagieren – sie heißen Ampholyte.

Das wichtigste Beispiel ist Wasser selbst:

\[\ce{H2O + H2O} \rightleftharpoons \ce{H3O+ + OH-}\]

Beispiel: Magensäure trifft auf Antazidum

Ein Antazidum (z. B. Magnesiumhydroxid) neutralisiert überschüssige Magensäure:

\[\ce{HCl + OH^- } \rightleftharpoons \ce{ Cl^- + H2O}\]

Hier ist \(\ce{HCl}\) der Protonendonator, \(\ce{OH^-}\) der Protonenakzeptor. Da Salzsäure fast vollständig protolysiert, liegt das Gleichgewicht praktisch vollständig auf der rechten Seite.

3. Das Massenwirkungsgesetz auf Protolyse angewandt

Wie jedes chemische Gleichgewicht lässt sich auch das Protolysegleichgewicht mit dem Massenwirkungsgesetz (MWG) beschreiben. Für die allgemeine Reaktion einer Säure HA mit Wasser gilt:

Die Säurekonstante KS

\[\ce{HA + H2O} \rightleftharpoons \ce{H3O+ + A^-}\]
\[K_S = \frac{c(\ce{H3O+}) \cdot c(\ce{A^-})}{c(\ce{HA})}\]

Die Konzentration von \(\ce{H2O}\) wird als konstant angenommen (großer Überschuss als Lösungsmittel) und daher in die Konstante \(K_S\) einbezogen. Je größer \(K_S\), desto weiter liegt das Gleichgewicht auf der Seite der Produkte – die Säure ist stärker protolysiert.

4. Animation: Das Protolysegleichgewicht live erleben

Die Animation zeigt ein Reservoir mit undissoziierten Säureteilchen (\(\ce{HA + H2O}\), links) und eines mit den Protolyseprodukten (\(\ce{H3O+ + A^-}\), rechts). Ständig wechseln Teilchen zufällig die Seite – in beide Richtungen gleichzeitig. Der Regler stellt die Säurestärke (\(K_S\)) ein und bestimmt, bei welchem Verhältnis sich das Gleichgewicht einpendelt.

Undissoziiert (HA + H₂O): –
Protolysiert (H₃O⁺ + A⁻): –

Klicke auf „Animation starten“, um den Teilchenaustausch zu beobachten.

5. Übung: Korrespondierende Säure-Base-Paare zuordnen

Ziehe jede Säure auf die korrespondierende Base (das Teilchen, das nach Abgabe eines Protons entsteht).

\(\ce{HCl}\)
\(\ce{NH4+}\)
\(\ce{H2O}\)
\(\ce{HCO3-}\)

korrespondierende Base zu \(\ce{Cl^-}\):

korrespondierende Base zu \(\ce{NH3}\):

korrespondierende Base zu \(\ce{OH^-}\):

korrespondierende Base zu \(\ce{CO3^2-}\):

Wichtig: Ampholyt ≠ Neutralstoff

Ein Ampholyt (z. B. \(\ce{H2O}\), \(\ce{HCO3-}\)) ist nicht „chemisch neutral", sondern reaktionsfähig in beide Richtungen. Ob es als Säure oder als Base reagiert, hängt vom jeweiligen Reaktionspartner ab – gegenüber einer stärkeren Säure verhält es sich als Base, gegenüber einer stärkeren Base als Säure.

6. Übungen

Übung 1: Donator oder Akzeptor?

Formuliere die Reaktionsgleichung von Ammoniak \(\ce{NH3}\) mit Wasser \(\ce{H2O}\) und gib jeweils an, welches Teilchen Protonendonator und welches Protonenakzeptor ist.

Übung 2: MWG aufstellen

Stelle den MWG-Ausdruck für die Säurekonstante \(K_S\) der Protolyse von Flusssäure \(\ce{HF}\) in Wasser auf.

Übung 3: Ampholyt erklären

Erkläre am Beispiel des Hydrogencarbonat-Ions \(\ce{HCO3^-}\), warum es sich um einen Ampholyten handelt. Formuliere je eine Reaktionsgleichung, in der \(\ce{HCO3^-}\) als Säure bzw. als Base reagiert.

7. Zusammenfassung

Wichtigste Punkte

  • Säuren sind Protonendonatoren, Basen Protonenakzeptoren (Brønsted)
  • Protolysereaktionen sind umkehrbar – es stellt sich ein Gleichgewicht ein
  • Korrespondierende Säure-Base-Paare unterscheiden sich um genau ein Proton
  • Ampholyte können sowohl als Säure als auch als Base reagieren

Schlüsselbegriffe

  • Protonendonator: gibt ein Proton ab (Säure)
  • Protonenakzeptor: nimmt ein Proton auf (Base)
  • Ampholyt: kann beide Rollen einnehmen
  • Säurekonstante KS: Gleichgewichtskonstante der Protolyse

Klausurtipps:

  • Prüfe bei jeder Protolysegleichung: Wer gibt ein Proton ab, wer nimmt es auf?
  • Korrespondierende Paare unterscheiden sich immer um genau ein H⁺ – nicht mehr.
  • Vergiss bei mehrprotonigen Säuren/Basen nicht, dass es mehrere Protolysestufen geben kann.