pH-Wert & Säurestärke
Vom Ablesen an einer Skala zum exakten Berechnen: Wie Konzentration und Säurestärke gemeinsam den pH-Wert bestimmen.
Alltagsbezug: Kauen statt Zähneputzen!?
Unser Zahnschmelz beginnt sich aufzulösen, sobald der pH-Wert im Mund unter etwa 5,5 fällt – den kritischen pH-Wert. Kariesbakterien erzeugen aus Zuckerresten Milchsäure, eine schwache Säure. Trotzdem reicht sie aus, um diesen kritischen Wert zu unterschreiten.
Aber warum genügt schon eine schwache Säure, um den pH-Wert so stark zu senken? Um das zu verstehen, müssen wir den pH-Wert nicht mehr nur ablesen, sondern berechnen – und dabei zwischen starken und schwachen Säuren unterscheiden.
Wiederholung aus Klasse 9
In Klasse 9 hast du den pH-Wert an einer interaktiven pH-Skala abgelesen und die Dissoziation von Säuren qualitativ beschrieben. Jetzt berechnen wir den pH-Wert exakt aus der Ausgangskonzentration und der Säurestärke.
1. Die Autoprotolyse des Wassers
Wasser ist ein Ampholyt und reagiert in geringem Umfang mit sich selbst:
Das Ionenprodukt des Wassers
Aus dem MWG dieser Gleichgewichtsreaktion ergibt sich (bei 25 °C):
In reinem Wasser sind beide Konzentrationen gleich groß: \(c(\ce{H3O+}) = c(\ce{OH^-}) = 10^{-7}\ \text{mol/L}\).
2. Der pH-Wert bei vollständiger Protolyse
Bei starken Säuren und Basen läuft die Protolyse praktisch vollständig ab. Die Konzentration an \(\ce{H3O+}\) entspricht dann direkt der Ausgangskonzentration der Säure.
pH-Wert
Je kleiner der pH-Wert, desto größer die \(\ce{H3O+}\)-Konzentration.
pOH-Wert
Aus dem Ionenprodukt des Wassers folgt: \(\text{p}K_W = \text{pH} + \text{pOH} = 14\)
Beispiel: Salzsäure c₀ = 0,01 mol/L
Salzsäure ist eine starke Säure – sie protolysiert vollständig:
3. Starke und schwache Säuren/Basen: pKS- und pKB-Werte
Da Säurekonstanten \(K_S\) oft sehr kleine Zahlen sind, verwendet man meist den negativen dekadischen Logarithmus:
Interpretation
- Kleiner pKS-Wert (z. B. \(\ce{HCl}\): p\(K_S \approx -6\)) → starke Säure, protolysiert praktisch vollständig
- Mittlerer pKS-Wert (z. B. Essigsäure: p\(K_S \approx 4{,}75\)) → schwache Säure, unvollständige Protolyse
- Großer pKS-Wert (z. B. Blausäure \(\ce{HCN}\): p\(K_S \approx 9{,}2\)) → sehr schwache Säure
4. Der pH-Wert bei unvollständiger Protolyse
Bei schwachen Säuren protolysiert nur ein Teil der Teilchen. Die \(\ce{H3O+}\)-Konzentration muss über das MWG aus \(K_S\) und der Ausgangskonzentration \(c_0(\ce{HA})\) berechnet werden:
Exakte Formel (mittelstarke bis schwache Säuren)
Für schwache Säuren (Protolysegrad < 5 %) vereinfacht sich dies zur Näherungsformel:
5. pH-Werte von Salzlösungen
Auch Salze können den pH-Wert einer Lösung verändern – nämlich dann, wenn eines ihrer Ionen die korrespondierende Säure oder Base eines schwachen Protolyse-Partners ist.
\(\ce{NaCl}\)
Beide Ionen stammen von einer starken Säure (\(\ce{HCl}\)) und einer starken Base (\(\ce{NaOH}\)) → neutral (pH ≈ 7).
\(\ce{CH3COONa}\)
\(\ce{CH3COO^-}\) ist die korrespondierende Base der schwachen Essigsäure und reagiert mit Wasser als Base → basisch (pH > 7).
\(\ce{NH4Cl}\)
\(\ce{NH4+}\) ist die korrespondierende Säure der schwachen Base Ammoniak und reagiert mit Wasser als Säure → sauer (pH < 7).
6. Animation: Der Protolysegrad im Teilchenmodell
Stelle Säurestärke (p\(K_S\)) und Ausgangskonzentration ein. Die Animation zeigt, welcher Anteil der \(\ce{HA}\)-Teilchen (blau) tatsächlich zu \(\ce{H3O+}\) und \(\ce{A^-}\) (grün) protolysiert.
7. Rechen-Tool: pH-Wert berechnen
Berechne den pH-Wert einer Säure- oder Base-Lösung Schritt für Schritt.
Wichtig: Näherung nur bei geringem Protolysegrad
Die vereinfachte Formel \(\text{pH} = \frac{1}{2}(\text{p}K_S - \lg c_0)\) gilt nur, wenn der Protolysegrad unter etwa 5 % liegt. Bei stärker protolysierten (mittelstarken) Säuren oder sehr geringen Ausgangskonzentrationen muss die exakte quadratische Formel verwendet werden.
8. Übungen
Übung 1: Starke Säure
Berechne den pH-Wert einer Salpetersäure-Lösung \(\ce{HNO3}\) mit \(c_0 = 5 \cdot 10^{-3}\ \text{mol/L}\).
Übung 2: Schwache Säure (Näherungsformel)
Essigsäure hat p\(K_S \approx 4{,}75\). Berechne den pH-Wert einer Lösung mit \(c_0 = 0{,}1\ \text{mol/L}\) mit der Näherungsformel.
Übung 3: pOH und pKw
Eine Natronlauge-Lösung hat einen pH-Wert von 12. Berechne pOH und \(c(\ce{OH^-})\).
9. Zusammenfassung
Wichtigste Punkte
- \(K_W = c(\ce{H3O+}) \cdot c(\ce{OH^-}) = 10^{-14}\)
- Starke Säuren/Basen: \(c(\ce{H3O+}) = c_0\) (vollständige Protolyse)
- Schwache Säuren/Basen: exakte Formel oder Näherung über p\(K_S\)
- pH + pOH = 14
Schlüsselbegriffe
- Ionenprodukt des Wassers: \(K_W = 10^{-14}\)
- Protolysegrad: Anteil der protolysierten Teilchen
- pKS/pKB: negativer Logarithmus der Säure-/Basekonstante
Klausurtipps:
- Erst prüfen: starke oder schwache Säure/Base? Das entscheidet über die Formel.
- Bei der Näherungsformel den Gültigkeitsbereich (Protolysegrad < 5 %) im Hinterkopf behalten.
- pH und pOH ergeben bei 25 °C immer zusammen 14.