HCl
H⁺
pH

Säuren – Eigenschaften, pH-Wert und Dissoziation

Säuren gehören zu den wichtigsten Verbindungsklassen in der Chemie. Sie kommen in Früchten, Reinigungsmitteln und unserem Körper vor – und haben eines gemeinsam: Sie geben in Wasser H⁺-Ionen (Protonen) ab.

Säuren im Alltag

Säuren begegnen uns täglich – oft ohne dass wir es bewusst wahrnehmen. Hier sind einige bekannte Beispiele:

Säuren in Früchten
Verschiedene Zitrusfrüchte – Zitronen, Orangen, Limetten
  • Citronensäure (\(\text{C}_6\text{H}_8\text{O}_7\)) – in Zitronen, Orangen, Limetten (saurer Geschmack)
  • Äpfelsäure (\(\text{C}_4\text{H}_6\text{O}_5\)) – in Äpfeln und vielen anderen Früchten
  • Weinsäure (\(\text{C}_4\text{H}_6\text{O}_6\)) – in Trauben und Wein
  • Ascorbinsäure (Vitamin C) (\(\text{C}_6\text{H}_8\text{O}_6\)) – in Paprika, Beeren, Zitrusfrüchten
Säuren in Reinigungsmitteln

In Entkalkern und Haushaltsreinigern werden Säuren gezielt eingesetzt, um Kalkablagerungen (\(\text{CaCO}_3\)) aufzulösen:

\[\text{CaCO}_3 + 2\,\text{H}^+ \rightarrow \text{Ca}^{2+} + \text{H}_2\text{O} + \text{CO}_2\]

Häufig eingesetzte Säure: Citronensäure – biologisch abbaubar und hautschonend.

Essigsäure

Essigsäure-Flasche

Essigsäure (Ethansäure) ist eine organische Säure mit der Summenformel \(\text{CH}_3\text{COOH}\).

  • Vorkommen: Haushaltsessig enthält 5–25 % Essigsäure
  • Verwendung: Konservierungsmittel in Lebensmitteln, Reinigungsmittel, Herstellung von Kunststoffen
  • In Wasser dissoziiert sie teilweise (schwache Säure): \(\text{CH}_3\text{COOH} \rightleftharpoons \text{CH}_3\text{COO}^- + \text{H}^+\)

Kohlensäure

Kohlensäure (\(\text{H}_2\text{CO}_3\)) entsteht, wenn Kohlenstoffdioxid in Wasser gelöst wird – das macht Sprudelwasser „sauer":

\[\text{CO}_2 + \text{H}_2\text{O} \rightleftharpoons \text{H}_2\text{CO}_3\]

Kohlensäure ist eine schwache, zweiprotonige Säure. Das Gleichgewicht liegt fast vollständig auf der linken Seite – nur wenig CO₂ liegt wirklich als H₂CO₃ vor.

Definitionen des Säurebegriffs

Den Begriff „Säure" hat die Chemie im Laufe der Zeit immer präziser gefasst. Die beiden wichtigsten Definitionen stammen von Arrhenius und Brønsted.

Definition nach Arrhenius (1884)

Eine Säure ist ein Stoff, der in wässriger Lösung H⁺-Ionen abspaltet.

Svante Arrhenius erkannte, dass saure Lösungen leitfähig sind – also Ionen enthalten. Er definierte Säuren als Verbindungen, die beim Lösen in Wasser Wasserstoff-Ionen (H⁺) freisetzen:

\[\text{HCl} \overset{\text{H}_2\text{O}}{\longrightarrow} \text{H}^+ + \text{Cl}^-\]

Einschränkung

Die Arrhenius-Definition gilt nur für wässrige Lösungen. Reaktionen ohne Wasser – z. B. HCl-Gas mit Ammoniak-Gas – lassen sich damit nicht erklären.

Definition nach Brønsted (1923)

Eine Säure ist ein Protonendonator – sie gibt ein H⁺-Ion (Proton) an eine Base ab.

Johannes Brønsted erweiterte den Säurebegriff: Eine Säure gibt immer ein Proton an einen Reaktionspartner ab, der dieses aufnimmt (= Base). Säure und Base bilden dabei ein konjugiertes Säure-Base-Paar:

\[\underbrace{\text{HCl}}_{\text{Säure}} + \underbrace{\text{H}_2\text{O}}_{\text{Base}} \rightarrow \underbrace{\text{H}_3\text{O}^+}_{\text{konj. Säure}} + \underbrace{\text{Cl}^-}_{\text{konj. Base}}\]

Vorteil

Die Brønsted-Definition funktioniert auch ohne Wasser und ist allgemeiner. In der Schule verwenden wir meist diese Definition.

Vergleich der beiden Definitionen

Arrhenius Brønsted
Säure ist … … ein Stoff, der H⁺ in Wasser freisetzt … ein Protonendonator
Bedingung Nur in wässriger Lösung Auch ohne Wasser möglich
Beispiel \(\text{HCl} \rightarrow \text{H}^+ + \text{Cl}^-\) \(\text{HCl} + \text{H}_2\text{O} \rightarrow \text{H}_3\text{O}^+ + \text{Cl}^-\)
Allgemeiner Nein Ja

Versuch – Verdünnungsreihe

In diesem Versuch wird aus einer konzentrierten Salzsäure-Lösung eine Verdünnungsreihe hergestellt. Jedes Reagenzglas enthält eine um den Faktor 10 verdünntere Lösung als das vorherige.

Simulation: Verdünnungsreihe mit Universalindikator

Beobachte, wie sich der Universalindikator je nach Konzentration der Salzsäure verschieden einfärbt – von dunkelrot (pH 0) bis gelb (pH 5).

Farbverlauf beim Universalindikator (pH 0–14)
Farbverlauf des Universalindikators – pH 0 (dunkelrot) bis pH 14 (dunkelblau)

Übersicht: Die 6 Reagenzgläser der Verdünnungsreihe

Reagenzglas Konzentration c(HCl) pH-Wert Farbe (Universalindikator)
RG 1\(10^0 = 1 \text{ mol/l}\)0Dunkelrot
RG 2\(10^{-1} = 0{,}1 \text{ mol/l}\)1Rot
RG 3\(10^{-2} = 0{,}01 \text{ mol/l}\)2Orange-Rot
RG 4\(10^{-3} = 0{,}001 \text{ mol/l}\)3Orange
RG 5\(10^{-4} = 0{,}0001 \text{ mol/l}\)4Gelb-Orange
RG 6\(10^{-5} = 0{,}00001 \text{ mol/l}\)5Gelb

Deutung: Warum ändert sich die Farbe?

Je stärker eine Lösung verdünnt wird, desto geringer ist die Konzentration der H⁺-Ionen. Da der pH-Wert definiert ist als \(pH = -\lg[\text{H}^+]\), steigt der pH-Wert mit zunehmender Verdünnung um je eine Einheit pro Faktor 10.

Der Universalindikator reagiert auf diese unterschiedlichen H⁺-Konzentrationen mit charakteristischen Farbumschlägen – von dunkelrot (pH 0, stark sauer) über orange bis gelb (pH 5, schwach sauer). Grün entspricht dem neutralen Bereich (pH 7).

Der pH-Wert

Definition des pH-Werts

\[\boxed{pH = -\lg\left[\text{H}^+\right]}\]

Der pH-Wert ist der negative dekadische Logarithmus der H⁺-Ionenkonzentration (in mol/l). Er gibt an, wie sauer oder basisch eine Lösung ist.

Eine Lösung mit einer H⁺-Konzentration von \(10^{-3} \text{ mol/l}\) hat also den pH-Wert:

\[pH = -\lg\left(10^{-3}\right) = -(-3) = 3\]

pH-Skala: Säuren und Basen im Überblick

Konzentration \([\text{H}^+]\) pH-Wert Einordnung Beispiel
\(10^0 = 1 \text{ mol/l}\)0stark sauerkonzentrierte HCl
\(10^{-1} \text{ mol/l}\)1stark sauerMagensäure
\(10^{-2} \text{ mol/l}\)2sauerZitronensaft
\(10^{-3} \text{ mol/l}\)3sauerEssig
\(10^{-4} \text{ mol/l}\)4schwach sauerTomaten
\(10^{-5} \text{ mol/l}\)5schwach sauerKaffee
\(10^{-7} \text{ mol/l}\)7neutralreines Wasser
\(10^{-9} \text{ mol/l}\)9schwach basischBackpulver-Lösung
\(10^{-11} \text{ mol/l}\)11basischAmmoniak-Lösung
\(10^{-13} \text{ mol/l}\)13stark basischNatronlauge (1 mol/l)
\(10^{-14} \text{ mol/l}\)14stark basischkonzentrierte NaOH

Dissoziationsgleichungen wichtiger Säuren

Wenn Säuren in Wasser gelöst werden, geben sie H⁺-Ionen ab – man spricht von Dissoziation. Bei starken Säuren verläuft dieser Prozess vollständig (\(\rightarrow\)), bei schwachen Säuren nur teilweise (\(\rightleftharpoons\)).

Salpetersäure → Nitrat-Ion

einprotonig, stark

\[\text{HNO}_3 \rightarrow \text{H}^+ + \text{NO}_3^-\]

Salpetrige Säure → Nitrit-Ion

einprotonig, schwach

\[\text{HNO}_2 \rightleftharpoons \text{H}^+ + \text{NO}_2^-\]

Kohlensäure → Hydrogencarbonat / Carbonat

zweiprotonig, schwach – 1. Stufe:

\[\text{H}_2\text{CO}_3 \rightleftharpoons \text{H}^+ + \text{HCO}_3^-\]

2. Stufe:

\[\text{HCO}_3^- \rightleftharpoons \text{H}^+ + \text{CO}_3^{2-}\]

Schwefelsäure → Hydrogensulfat / Sulfat

zweiprotonig – 1. Stufe (stark):

\[\text{H}_2\text{SO}_4 \rightarrow \text{H}^+ + \text{HSO}_4^-\]

2. Stufe (mittelstark):

\[\text{HSO}_4^- \rightleftharpoons \text{H}^+ + \text{SO}_4^{2-}\]

Schweflige Säure → Hydrogensulfit / Sulfit

zweiprotonig, schwach – 1. Stufe:

\[\text{H}_2\text{SO}_3 \rightleftharpoons \text{H}^+ + \text{HSO}_3^-\]

2. Stufe:

\[\text{HSO}_3^- \rightleftharpoons \text{H}^+ + \text{SO}_3^{2-}\]

Phosphorsäure → Phosphat (3 Stufen)

dreiprotonig, mittelstark – 1. Stufe:

\[\text{H}_3\text{PO}_4 \rightleftharpoons \text{H}^+ + \text{H}_2\text{PO}_4^-\]

2. Stufe:

\[\text{H}_2\text{PO}_4^- \rightleftharpoons \text{H}^+ + \text{HPO}_4^{2-}\]

3. Stufe:

\[\text{HPO}_4^{2-} \rightleftharpoons \text{H}^+ + \text{PO}_4^{3-}\]

Merke: Starke vs. schwache Säuren

  • Starke Säuren (z. B. HCl, HNO₃, H₂SO₄ 1. Stufe) dissoziieren vollständig – Pfeil zeigt nur nach rechts (\(\rightarrow\)).
  • Schwache Säuren (z. B. CH₃COOH, H₂CO₃, HNO₂) dissoziieren nur teilweise – Gleichgewichtspfeil (\(\rightleftharpoons\)).
  • Mehrprotonige Säuren geben ihre Protonen stufenweise ab; jede folgende Stufe ist schwächer als die vorherige.

Molekülstrukturen wichtiger Säuren

Die Strukturformeln zeigen, wie Atome im Molekül miteinander verbunden sind. Die Darstellung folgt der Oktettregel: Jedes Atom strebt eine Edelgaskonfiguration mit 8 Elektronen an.

Lewis-Strukturen der drei Säuren

Die Moleküle werden als Lewis-Strukturen dargestellt. Einfachbindungen stehen für ein gemeinsames Elektronenpaar, Doppelbindungen für zwei:

  • H₂CO₃: planares Molekül, sp²-hybridisiertes C mit 1×C=O und 2×C-O-H
  • H₂SO₄: tetraedrisch um S, 2×S=O und 2×S-O-H – daher nur 2 Wasserstoffatome
  • H₃PO₄: tetraedrisch um P, 1×P=O und 3×P-O-H – daher 3 Wasserstoffatome

Warum gibt es für dieselbe Säure verschiedene Strukturformeln?

Die Frage, welche Strukturformel für H₂SO₄ oder H₃PO₄ „richtig" ist, beschäftigt Chemiker seit über einem Jahrhundert – und wird in Schulbüchern bis heute unterschiedlich beantwortet.

Das Lewis-Modell (1916): Gilbert N. Lewis entwickelte die Idee, dass Atome durch gemeinsame Elektronenpaare gebunden werden. Nach seiner strikten Oktettregel strebt jedes Hauptgruppenelement genau 8 Valenzelektronen an. Für Schwefelsäure bedeutet das: S bildet vier Einfachbindungen (S–O) und erfüllt damit das Oktett – trägt aber eine Formalladung von \(+2\), während zwei Sauerstoffatome je \(-1\) tragen. Formal korrekt, aber schwer intuitiv zu lesen.

Das erweiterte Oktettregel-Modell (ca. 1940–1990): Da Schwefel und Phosphor Elemente der dritten Periode sind, nahm man lange an, ihre freien 3d-Orbitale könnten zur Bindungsbildung genutzt werden. Daraus entstand das Bild von H₂SO₄ mit zwei S=O-Doppelbindungen – ohne Formalladungen, geometrisch stimmig und intuitiv einfacher. Dieses Modell verbreitete sich in Lehrbüchern weltweit.

Der moderne Blick (ab ca. 1990): Quantenmechanische Berechnungen zeigten, dass die Beteiligung der 3d-Orbitale tatsächlich minimal ist. Die Oktettregel-Darstellung mit Formalladungen ist nach heutigem Verständnis die genauere. In der Schulchemie bleibt aber oft die Doppelbindungsdarstellung üblich – sie ist einfacher und vermeidet Formalladungen, die für Schülerinnen und Schüler eine zusätzliche Hürde darstellen.

Fazit: Beide Darstellungen sind im jeweiligen Kontext vertretbar. Die hier gezeigten Lewis-Strukturen mit Doppelbindungen folgen der schulüblichen Konvention. Die Oktettregel-Strukturen mit Formalladungen sind weiter unten ergänzt.

Kohlensäure

\(\text{H}_2\text{CO}_3\)

Schwefelsäure

\(\text{H}_2\text{SO}_4\)

Phosphorsäure

\(\text{H}_3\text{PO}_4\)

Schwefelsäure und Phosphorsäure nach der Oktettregel

In der Oktettregel-Darstellung bildet das Zentralatom ausschließlich Einfachbindungen. Um das Oktett zu erfüllen, entstehen dabei Formalladungen – das Zentralatom gibt Ladung ab, die nicht-protonierten Sauerstoffatome nehmen sie auf.

Formalladungen in der Oktettregel-Darstellung

  • \(\text{H}_2\text{SO}_4\): S trägt Formalladung \(+2\), die zwei O-Atome ohne H je \(-1\) – alle vier Bindungen sind Einfachbindungen
  • \(\text{H}_3\text{PO}_4\): P trägt Formalladung \(+1\), das O-Atom ohne H trägt \(-1\) – alle vier Bindungen sind Einfachbindungen
Schwefelsäure – Oktettregel

\(\text{H}_2\text{SO}_4\)  ·  \(\text{S}^{2+}\), 2×\(\text{O}^-\), alle Einfachbindungen

Phosphorsäure – Oktettregel

\(\text{H}_3\text{PO}_4\)  ·  \(\text{P}^{+}\), 1×\(\text{O}^-\), alle Einfachbindungen

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