Uneigentliche Integrale
Wenn Grenzen verschwinden – Integrale über unendliche Intervalle und Polstellen
Einführung und Motivation
Bisher hast du bestimmte Integrale der Form \[\int_a^b f(x)\,\mathrm{d}x\] kennengelernt, bei denen sowohl die Grenzen \(a\) und \(b\) endlich sind als auch der Integrand \(f\) auf dem gesamten Intervall \([a,b]\) stetig ist.
In vielen Anwendungen — etwa in der Wahrscheinlichkeitsrechnung, der Physik oder der Wirtschaftsmathematik — möchte man jedoch über unendliche Intervalle integrieren oder Funktionen integrieren, die an einer Stelle eine Polstelle haben. Solche Integrale heißen uneigentliche Integrale.
Die überraschende Antwort lautet: Ja, manchmal schon. Der Graph zeigt den Unterschied: Die Fläche unter \(1/x^2\) ist endlich (gleich 1), während die Fläche unter \(1/x\) unbeschränkt wächst.
Zwei Typen uneigentlicher Integrale
Man unterscheidet zwei grundlegende Typen. In beiden Fällen ist das Integral nicht direkt als bestimmtes Integral berechenbar, sondern muss über einen Grenzwert definiert werden.
Typ I – Unbeschränktes Intervall
Mindestens eine Integrationsgrenze ist \(\pm\infty\), z. B.
Typ II – Polstelle im Intervall
Der Integrand hat eine Polstelle innerhalb oder am Rand des Intervalls, z. B.
Definition: Uneigentliche Integrale vom Typ I
Sei \(f\) auf \([a,\infty)\) stetig. Existiert der Grenzwert
so heißt das uneigentliche Integral konvergent, andernfalls divergent.
Ist \(f\) auf \((-\infty, b]\) stetig, so setzt man
Ist \(f\) auf ganz \(\mathbb{R}\) stetig, so wählt man eine beliebige Zwischenstelle \(c\in\mathbb{R}\) und setzt
Das Integral konvergiert nur, wenn beide Teilintegrale konvergieren. Der Wert ist unabhängig von der Wahl von \(c\).
Definition: Uneigentliche Integrale vom Typ II
Sei \(f\) auf \([a,b)\) stetig und besitze in \(b\) eine Polstelle. Dann definiert man
Ist \(f\) auf \((a,b]\) stetig mit Polstelle in \(a\), so setzt man
Liegt eine Polstelle an einer inneren Stelle \(p\in(a,b)\), so zerlegt man:
wobei wieder beide Teilintegrale für sich konvergieren müssen.
Schritt-für-Schritt: Wie geht man vor?
Bei jedem uneigentlichen Integral verfährt man stets nach demselben Schema:
- Problemstelle identifizieren: Wo liegt die „kritische" Grenze (unendlich oder Polstelle)?
- Grenze ersetzen: Die kritische Grenze durch die Variable \(u\) ersetzen.
- Integral mit \(u\) berechnen: Zunächst das nun eigentliche Integral mit dem Hauptsatz vollständig berechnen — das Ergebnis ist ein Term in \(u\).
- Erst dann Grenzübergang: Im letzten Schritt den Grenzwert \(u \to \infty\) bzw. \(u \to b^-\) bzw. \(u \to a^+\) bilden.
- Bewerten: Existiert der Grenzwert? → konvergent; existiert er nicht → divergent.
Klassische Beispiele mit ausführlichen Lösungen
Beispiel 1: Konvergenz bei \(1/x^2\)
Aufgabe: Untersuche \(\displaystyle\int_1^{\infty} \frac{1}{x^2}\,\mathrm{d}x\) auf Konvergenz und berechne ggf. den Wert.
Schritt 1 – Integration mit oberer Grenze \(u\):
\[ \int_1^{u} \frac{1}{x^2}\,\mathrm{d}x = \left[-\frac{1}{x}\right]_1^{u} = -\frac{1}{u} + 1 = 1 - \frac{1}{u} \]Schritt 2 – Grenzübergang:
\[ \lim_{u\to\infty}\left(1 - \frac{1}{u}\right) = 1 \]Ergebnis: Das Integral konvergiert mit dem Wert \(\displaystyle\int_1^{\infty} \frac{1}{x^2}\,\mathrm{d}x = 1\).
Geometrische Deutung: Die Fläche unter der Hyperbel \(y=1/x^2\) rechts von \(x=1\) ist trotz unendlicher Ausdehnung endlich gleich \(1\).
Beispiel 2: Divergenz bei \(1/x\)
Aufgabe: Untersuche \(\displaystyle\int_1^{\infty} \frac{1}{x}\,\mathrm{d}x\).
Schritt 1 – Integration mit oberer Grenze \(u\):
\[ \int_1^{u} \frac{1}{x}\,\mathrm{d}x = \bigl[\ln x\bigr]_1^{u} = \ln u - \ln 1 = \ln u \]Schritt 2 – Grenzübergang:
\[ \lim_{u\to\infty} \ln u = \infty \]Ergebnis: Das Integral divergiert.
Bemerkenswert: Obwohl \(1/x\) und \(1/x^2\) optisch sehr ähnlich aussehen, fällt \(1/x\) zu langsam ab — die Fläche wächst unbeschränkt.
Interaktiv: Konvergenz vs. Divergenz
Beispiel 3: Polstelle am Rand — \(1/\sqrt{x}\)
Aufgabe: Untersuche \(\displaystyle\int_0^{1} \frac{1}{\sqrt{x}}\,\mathrm{d}x\).
Der Integrand hat in \(x=0\) eine Polstelle. Wir ersetzen die untere Grenze durch \(u>0\).
Schritt 1 – Integration mit der unteren Grenze \(u\):
\[ \int_u^{1} x^{-1/2}\,\mathrm{d}x = \bigl[2\sqrt{x}\bigr]_u^{1} = 2 - 2\sqrt{u} \]Schritt 2 – Grenzübergang:
\[ \lim_{u\to 0^+}\left(2 - 2\sqrt{u}\right) = 2 \]Ergebnis: Das Integral konvergiert mit dem Wert \(2\).
Beispiel 4: Divergenz bei Polstelle — \(1/x\)
Aufgabe: Untersuche \(\displaystyle\int_0^{1} \frac{1}{x}\,\mathrm{d}x\).
Polstelle in \(x=0\); untere Grenze durch \(u\) ersetzen.
Schritt 1 – Integration mit der unteren Grenze \(u\):
\[ \int_u^{1} \frac{1}{x}\,\mathrm{d}x = \bigl[\ln x\bigr]_u^{1} = \ln 1 - \ln u = -\ln u \]Schritt 2 – Grenzübergang:
\[ \lim_{u\to 0^+}(-\ln u) = \infty \]Ergebnis: Das Integral divergiert.
Beispiel 5: Beidseitig unendlich — \(1/(1+x^2)\)
Aufgabe: Berechne \(\displaystyle\int_{-\infty}^{\infty} \frac{1}{1+x^2}\,\mathrm{d}x\).
Wir wählen \(c=0\) und untersuchen beide Teilintegrale getrennt.
Rechter Teil:
\[ \int_0^{u} \frac{1}{1+x^2}\,\mathrm{d}x = \bigl[\arctan(x)\bigr]_0^{u} = \arctan(u) \] \[ \lim_{u\to\infty} \arctan(u) = \frac{\pi}{2} \]Linker Teil:
\[ \int_u^{0} \frac{1}{1+x^2}\,\mathrm{d}x = \bigl[\arctan(x)\bigr]_u^{0} = -\arctan(u) \] \[ \lim_{u\to-\infty}\bigl(-\arctan(u)\bigr) = -\left(-\frac{\pi}{2}\right) = \frac{\pi}{2} \]Beispiel 6: Innere Polstelle — typische Falle
Aufgabe: Untersuche \(\displaystyle\int_{-1}^{1} \frac{1}{x^2}\,\mathrm{d}x\).
Korrekte Rechnung: Aufteilen am Pol \(p=0\). Bereits das rechte Teilintegral genügt zur Beantwortung.
Schritt 1 – Rechtes Teilintegral (\(u\to 0^+\)):
\[ \int_u^{1} \frac{1}{x^2}\,\mathrm{d}x = \left[-\frac{1}{x}\right]_u^{1} = -1 + \frac{1}{u} = \frac{1}{u} - 1 \]Schritt 2 – Grenzübergang:
\[ \lim_{u\to 0^+}\left(\frac{1}{u} - 1\right) = \infty \]Ergebnis: Bereits das rechte Teilintegral divergiert — das gesamte Integral ist damit divergent.
Gabriels Horn — das Maler-Paradoxon
Eines der schönsten Beispiele für uneigentliche Integrale ist Gabriels Horn (auch Torricellis Trompete genannt). Es entsteht durch Rotation von \(f(x) = 1/x\) (\(x \ge 1\)) um die \(x\)-Achse. Der Körper sieht aus wie ein unendlich langer, sich verjüngender Trichter.
Mantelfläche — unendlich
Die Fläche unter \(1/x\) ist das, was rotiert wird:
\[ \int_1^{u} \frac{1}{x}\,\mathrm{d}x = \ln u \xrightarrow{u\to\infty} \infty \]Die Mantelfläche des Horns ist unendlich groß.
Volumen — endlich (gleich \(\pi\))
Rotationsvolumen-Formel: \(V = \pi\int_a^b \left(f(x)\right)^2\,\mathrm{d}x\)
\[ V = \pi\int_1^{\infty} \frac{1}{x^2}\,\mathrm{d}x = \pi \cdot 1 = \pi \]Das Volumen beträgt genau \(\pi\) — trotz unendlicher Ausdehnung.
Interaktives 3D-Modell
Weitere Anwendungen
Dichtefunktionen in der Wahrscheinlichkeitsrechnung
Eine Funktion \(f:\mathbb{R}\to\mathbb{R}\) ist eine Wahrscheinlichkeitsdichte, wenn \(f(x)\ge 0\) und
Praktisch jede stetige Wahrscheinlichkeitsverteilung wird über uneigentliche Integrale beschrieben.
Schritt 1:
\[ \int_0^{u}\lambda e^{-\lambda x}\,\mathrm{d}x = \bigl[-e^{-\lambda x}\bigr]_0^{u} = 1 - e^{-\lambda u} \]Schritt 2:
\[ \lim_{u\to\infty}\bigl(1 - e^{-\lambda u}\bigr) = 1 \checkmark \]Die Exponentialverteilung modelliert z. B. Wartezeiten oder Lebensdauern.
Arbeit gegen die Gravitation
Die Arbeit, einen Körper der Masse \(m\) von der Erdoberfläche (Radius \(R\)) ins Unendliche zu befördern:
Schritt 1:
\[ \int_R^{u} G\frac{Mm}{r^2}\,\mathrm{d}r = GMm\left[-\frac{1}{r}\right]_R^{u} = GMm\left(\frac{1}{R} - \frac{1}{u}\right) \]Schritt 2:
\[ \lim_{u\to\infty} GMm\left(\frac{1}{R} - \frac{1}{u}\right) = \frac{GMm}{R} \]Dieses endliche Ergebnis (trotz unendlicher Wegstrecke) ist die physikalische Grundlage der Fluchtgeschwindigkeit.
Barwert ewiger Renten
Bei stetiger Verzinsung mit Zinsrate \(r\) und kontinuierlicher Auszahlung \(c\) pro Zeiteinheit ergibt sich der Barwert einer „ewigen Rente" als
Schritt 1:
\[ \int_0^{u} c\cdot e^{-rt}\,\mathrm{d}t = c\left[-\frac{1}{r}e^{-rt}\right]_0^{u} = \frac{c}{r}\bigl(1 - e^{-ru}\bigr) \]Schritt 2:
\[ \lim_{u\to\infty} \frac{c}{r}\bigl(1 - e^{-ru}\bigr) = \frac{c}{r} \]Eine ewig sprudelnde Geldquelle hat einen endlichen heutigen Wert von \(c/r\).
Häufige Fehler und Stolperfallen
- Polstellen im Inneren übersehen. Vor jeder Berechnung den Integranden auf Polstellen prüfen — siehe Beispiel 6.
- Ungültige Symmetrieargumente. \(\int_{-\infty}^{\infty} f\) ist nicht automatisch der symmetrische Grenzwert \(\lim_{u\to\infty}\int_{-u}^{u} f\).
- Hauptsatz ohne Grenzübergang. Die Stammfunktion einzusetzen reicht nicht — der Grenzwert muss nach der Integration formal gebildet werden.
- „\(\infty - \infty\)" als Wert. Sind beide Teile divergent, ist das Gesamtintegral divergent — auch wenn man optisch eine „Auslöschung" zu sehen glaubt.
- Falsche Stammfunktion. Bei \(\int 1/x\,\mathrm{d}x\) über negative Bereiche an \(\ln|x|\) denken.
Übungsaufgaben
Untersuche folgende Integrale auf Konvergenz und berechne ggf. den Wert. Verwende dabei stets das zweischrittige Schema: erst mit \(u\) integrieren, dann den Grenzwert bilden.
Aufgabe 1: \(\displaystyle\int_0^{\infty} e^{-x}\,\mathrm{d}x\)
Aufgabe 2: \(\displaystyle\int_1^{\infty} \frac{1}{x^3}\,\mathrm{d}x\)
Aufgabe 3: \(\displaystyle\int_0^{1} \frac{1}{x^{2/3}}\,\mathrm{d}x\)
Aufgabe 4: \(\displaystyle\int_2^{\infty} \frac{1}{x\ln x}\,\mathrm{d}x\)
Aufgabe 5: \(\displaystyle\int_{-\infty}^{0} x\,e^{x}\,\mathrm{d}x\)
Aufgabe 6: \(\displaystyle\int_0^{2} \frac{1}{(x-1)^2}\,\mathrm{d}x\)
Aufgabe 7 (Gabriels Horn): Lass \(g(x) = 1/x^2\) für \(x\ge 1\) um die \(x\)-Achse rotieren. Berechne das Rotationsvolumen und vergleiche mit Gabriels Horn aus Abschnitt 9.
Was du wissen solltest
- Uneigentliche Integrale treten bei unendlichen Grenzen (Typ I) oder Polstellen (Typ II) auf
- Die Definition erfolgt stets über einen Grenzwert der zugehörigen eigentlichen Integrale
- Das zweischrittige Schema: erst mit \(u\) integrieren, dann Grenzwert bilden
- \(1/x\) ist die kritische Grenze: schneller abfallend → konvergent, langsamer → divergent
- Polstellen im Innern immer vorab prüfen!
- Polstellen im Innern immer vorab prüfen!
Kernideen
- Konvergenz = Grenzwert existiert und ist endlich
- Divergenz = Grenzwert ist \(\pm\infty\) oder existiert nicht
- Im Unendlichen: Funktion muss schneller abfallen als \(1/x\) (z. B. \(1/x^2\) ✓, \(1/x\) ✗)
- An Polstellen: Funktion darf nicht so stark ansteigen wie \(1/x\) (z. B. \(1/\sqrt{x}\) ✓, \(1/x\) ✗)
- Gabriels Horn: unendliche Fläche, endliches Volumen — das schönste Paradoxon
- Uneigentliche Integrale sind in Physik, Wahrscheinlichkeit und Wirtschaft unverzichtbar